Brennende Kreuze im Ländle

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Der „European White Knights of the Ku Klux Klan – Realm of Germany” (EWK KKK) sorgte für Schlagzeilen. Einerseits durch Verbindungen zum „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) und zum Verfassungsschutz, andererseits durch die Beteiligung baden-württembergischer Polizisten.

Von Sven Ullenbruch und Lucius Teidelbaum  | Zuerst erschienen in: Der Rechte Rand Nr. 159 / 2016

Der Anfang der 2000er Jahre im Raum Schwäbisch Hall aktive EWK KKK war nicht nur ideologisch vom traditionsreichen Geheimbund in den Vereinigten Staaten inspiriert. Die Kapuzenträger formten auch den europäischen Ableger der „Mississippi White Knights of the Ku Klux Klan“. In einer Selbstbeschreibung des EWK KKK hieß es: „Das Ziel der European White Knights of the Ku Klux Klan ist die Erhaltung der weißen Rasse und somit der direkten Blutslinie zu Gott“. Eine Selbstdarstellung im Internet gab an: „Bei uns sind keine Verlierer und Versager, wir haben Mitglieder aller Art vom Doktor bis zum Tischler, vom Maurer bis zum Polizisten […]“. Letzteres ließ aufhorchen.

Der Klan und die Polizisten
Wie heute bekannt ist, suchten tatsächlich Polizeibeamte aus dem Südwesten Deutschlands die Nähe des Klans. Von zweien ist die Mitgliedschaft belegt. Timo H. aus Balingen, der heute als Polizeihauptmeister seinen Dienst verrichtet, war zudem der Gruppenführer von Michèle Kiesewetter. Die aus Thüringen stammende Polizistin wurde am 25. April 2007 während eines Einsatzes der Böblinger Bereitschaftspolizei in Heilbronn mutmaßlich von NSU-Terroristen ermordet. H., der auch privat Kontakt zu Kiesewetter hatte, war in der Nähe des Heilbronner Bahnhofes in zivil unterwegs, als auf der Theresienwiese der tödliche Schuss fiel. Der NSU-Untersuchungsausschuss im Stuttgarter Landtag geht aber nicht davon aus, dass ein Zusammenhang besteht. Auch, weil zwischen der KKK-Mitgliedschaft des heute 35-Jährigen und dem Mord an Kiesewetter mehrere Jahre liegen. H. hatte Ende 2001 seinen Mitgliedsantrag für den Klan ausgefüllt. Sein Kollege Jörg W. aus Böblingen war zu diesem Zeitpunkt bereits Mitglied der Kapuzentruppe. Vor dem baden-württembergischen Untersuchungsausschuss belasteten die beiden sich gegenseitig. Außerdem beteuerten die Polizisten, nichts vom rassistischen und antisemitischen Charakter des EWK KKK geahnt zu haben. Sie seien auf der Suche nach Gemeinschaft, Bibelauslegung und Kontakten zu Frauen gewesen.

Wieviele weitere PolizistInnen sich im Umfeld des Klans tummelten, ist nicht klar. Als Schnittstelle fungierte offensichtlich Jörg B., der heute Kriminaloberkommissar ist. Dessen Bruder Steffen B. war „Sicherheitsoffizier“ und als „Grand Nighthawk“ zweiter Mann der „European White Knights“. Über Jörg B. kamen auch Matthias F. und seine spätere Ehefrau Katrin T. in Kontakt zum Geheimbund – beide sind ebenfalls im Polizeidienst. In Papieren des Verfassungsschutzes ist von einer rechten Polizistengruppe im Bereich Stuttgart/Böblingen die Rede, die sich für den EWK KKK interessierte.

Der Verfassungsschutz: mittendrin statt nur dabei
An Insiderwissen mangelte es den Behörden nicht. Offiziell gegründet wurde der EWK KKK am 1. Oktober 2000 in Schwäbisch Hall von Achim Schmid alias „Reverend Ryan Davis“. Der gebürtige Mosbacher war ab 1994 V-Mann des baden-württembergischen Landesamtes für Verfassungsschutz und lieferte dem Dienst umfangreiche Informationen über die Nazi-Skinheadszene. Da Schmid den Klan nur zwei Wochen nach dem staatlichen „Blood & Honour“-Verbot ins Leben rief, gab es Mutmaßungen, es handle sich um ein Auffangbecken. Bis heute steht zudem die Theorie im Raum, der EWK KKK sei ein „honey pot“ gewesen – ein „Honigtopf“ des Geheimdienstes, um gezielt Nazis anzulocken. Vor dem NSU-Untersuchungsausschuss in Stuttgart bestritten VertreterInnen des Verfassungsschutzes diese Theorie. Schmid habe den Klan ohne Kenntnis des Amtes gegründet und sei deswegen im November 2000 als V-Mann abgeschaltet worden. Informationen aus der Mitte der geheimen „Bruderschaft“ kamen zu diesem Zeitpunkt längst vom Bundesamt für Verfassungsschutz. Denn Schmid war nicht der einzige V-Mann im EWK KKK. Auch der im April 2014 an einer nicht erkannten Diabetes-Erkrankung verstorbene Thomas Richter bespitzelte seine Kameraden. Unter dem Namen „Corelli“ galt er 18 Jahre lang als Top-Quelle. Er stand auch auf der 1998 in einer Jenaer Garage beschlagnahmten Kontaktliste des NSU. Im Klan war Richter als „Kleagle“ zuständig für die Rekrutierung neuer Mitglieder und den Betrieb eines internen Internet-Forums. Die aus dieser Zuständigkeit entstandenen Einsichten soll er an seinen Arbeitgeber weitergegeben haben. Unklar ist, ob die beiden Inlandsgeheimdienste über die V-Mann-Tätigkeit für die jeweils andere Behörde informiert waren.

Als zweifelhaft gilt auch, ob die Verfassungsschützer im Landesamt wirklich erst im Jahr 2000 von den KKK-Aktivitäten ihres V-Mannes Achim Schmid erfuhren. Am 24. März 1999 hatte die Polizeidirektion Schwäbisch Hall das Landesamt per Fax auf Klan-Aktivitäten von Schmid hingewiesen. Schmids V-Mann-Führer behauptete im NSU-Ausschuss, er habe von der Nachricht erst 2015 aus der Presse erfahren.

Südwest-Nazis mit Hang zum Klan
Sicher ist, dass der Haller Klan bestehende Nazi-Skinhead-Strukturen zur Rekrutierung nutzte und auf früheren KKK-Gruppen aufbaute. Offenbar gab es in Teilen der südwestdeutschen Neonazi-Szene schon vor der EWK KKK-Gründung eine starke Affinität zu dem rassistischen Geheimbund. Die Behörden müssen darüber zeitweise im Bilde gewesen sein. Seit 1992 sollen die „International Knights of the Ku Klux Klan“ (IK KKK) im Ländle aktiv gewesen sein. Dessen „Grand Dragon“ war der in Baden-Württemberg lebende US-Amerikaner Paul E.. Ermittler fanden bei E. einen Klan-Ausweis, als sie seine Wohnung nach Waffen durchsuchten.

Auch der spätere EWK KKK-„Sicherheitsoffizier“ Steffen B. und der V-Mann Achim Schmid waren Mitglied im IK KKK. Schmid soll 1998 beigetreten sein. Thomas Richter alias „Corelli“ war zumindest Aufnahmekandidat. „International Knight“ war auch der umtriebige Holger Wied (Spitzname „Tweety“), der als Musiker der Band „Triebtäter“ in der Szene bekannt war. Vor dem NSU-Ausschuss berichtete ein Zeuge von Kreuzverbrennungen, Schulungen und Grillfesten des IK KKK. Ob auch der ehemalige „Blood & Honour“-Kader Markus Frntic zu den „International Knights“ zählte, ist nicht klar. Zumindest fiel der Deutsch-Kroate dem Verfassungsschutz Mitte der 1990er Jahre als Chef einer Klan-Gruppe aus Stuttgart auf. 1995 wurde Frntic zusammen mit dem US-amerikanischen KKKler Michael C. Beth in Polizeigewahrsam genommen. Am 1. Juli 2000 nahmen sowohl Frntic als auch Achim Schmid und Angehörige der B&H-Nachfolgeorganisation „Furchtlos und Treu“ an einer Kreuzverbrennung in Winterbach im Rems-Murr-Kreis teil. Im Herbst 2000 trennten sich offensichtlich die Wege und Schmid gründete mit dem EWK KKK seinen eigenen Klan.

Mitglieder und Aktivitäten
Die „European White Knights“ waren eine verhältnismäßig kleine Gruppe. Auf dem Papier zählten nach Angaben verschiedener Quellen rund 20 Personen zu dem Geheimbund. Bis heute ist unklar, wer davon festes Mitglied war, da zum Teil unbestätigte Angaben kursieren. Auch wenn der Klan außerhalb der schwäbischen Provinz kaum Aktivitäten entfaltete, versuchte er bundesweit Anhänger zu rekrutieren. Auf einer Liste angeblicher Mitglieder tauchen Namen aus dem gesamten Bundesgebiet auf, etwa aus Eisenach, Rostock, Wernigerode und Leipzig. Auch Kleagle „Corelli“ musste aus Halle anreisen, wenn er seine Kameraden sehen wollte. Bei den Zusammenkünften des EWK KKK tauchten aber wohl deutlich weniger Kapuzenmänner auf, als es die offiziellen Mitgliederpapiere vermuten ließen. Diese Treffen fanden bei Achim Schmid zu Hause statt, man traf sich aber auch in Kneipen wie dem „Kachelofen“ in Böblingen, dem „Spacs“ in Schwäbisch Hall und der „Rockfabrik“ in Ludwigsburg. Klan-Rituale der Gruppe mit brennenden Kreuzen und Deko-Schwertern sollen auf der Ruine Limpurg und der Geyersburg im Raum Schwäbisch-Hall sowie in Sulzbach/Murr und Ansbach stattgefunden haben.

Eine der wenigen Frauen im Klan war Yvonne F. aus Schwäbisch Hall, die damalige Ehefrau von Achim Schmid. Mit ihr betrieb Schmid den Versand „Rebel Knight Country Shop“. F. war innerhalb des EWK KKK Schriftführerin, trennte sich aber 2004 endgültig von ihrem damaligen Mann. Als Zeugin vor dem Stuttgarter NSU-Ausschuss behauptete sie, seit 2009 keinen Kontakt mehr zur rechten Szene zu haben. Ihr jetziger Ehemann Holger F. findet sich allerdings auf der Kundenliste des extrem rechten Odin-Versandes aus Sachsen.

Waffen und Gewalt
Klan-Chef Achim Schmid hielt mit seinen Sympathien für den Rechtsterrorismus nicht hinter dem Berg. Über die amerikanische Gruppe „The Order“ schrieb er als „Ryan Davis“ am 15. Juli 2001: „Ich persönlich bewundere die Mitglieder von ‘The Order‘ für ihre Standhaftigkeit, wie man jeden bewundern sollte, der für seine Ideale einsteht“. Auf CDs warb Schmid, der auch als Liedermacher in der Nazi-Szene unterwegs war, für die Terror-Gruppe „Combat 18“.

Ob im Zusammenhang mit solchen Vorbildern und der generell in der Klan-Ideologie angelegten Gewaltbereitschaft vom EWK KKK auch militante Aktionen geplant waren, ist nicht bekannt. Eine Spur zum NSU führt über den ehemaligen „Blood & Honour“-Aktivisten Andreas Graupner. Der Chemnitzer zog Anfang der 2000er Jahre nach Baden-Württemberg und wurde dort Mitglied der Band „Noie Werte“. Im Jahr 2000 soll er Kameraden gegenüber geäußert haben, den drei untergetauchten NSU-Terroristen „gehe es gut“. Auf einer Liste des sächsischen Verfassungsschutzes mit möglichen Kontaktpersonen von Graupner stand auch Achim Schmid. Der wurde außerdem im Frühjahr 2000 in den Niederlanden kurzfristig inhaftiert – wohl wegen Waffenbesitzes. Kurz darauf unterhielt sich Schmid in einem Internetchat mit seinem Klanbruder Thomas Richter über Waffen. Es ging auch um den Zwickauer Nazi und V-Mann Ralf Marschner (Spitzname „Manole“). Marschner soll zum NSU-Umfeld zählen und war ebenfalls V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz.

Trotz aller Ungereimtheiten kam der EWK KKK aus Sicht des baden-württembergischen NSU-Untersuchungsausschusses „kaum über gelegentliche „Saufabende“ hinaus“, wie es im Abschlussbericht heißt. Nach zwei Jahren zerfiel der Klan. Unklar ist der Grund für sein Ende. Nach einer Version zerbrach er an internen Streitereien, nach einer anderen durch eine konzertierte Gefährdeansprache, am 31. August 2002, durch den Verfassungsschutz an die Mitglieder. Auch die beiden Polizisten kehrten den „European White Knights“ im Sommer 2002 den Rücken.

Die Frage, ob der Klan im Südwesten auch mit Waffen hantierte, wurde mehr als 13 Jahre später wieder aktuell. Im September 2015 fanden Ermittler in einem Erddepot im Schurwald bei Plochingen mehrere hundert Patronen scharfer Munition. Ein Unbekannter hatte an die „Stuttgarter Nachrichten“ einen schriftlichen Hinweis mit Lageplan geschickt. In dem anonymen Schreiben wurde auf den Ku Klux Klan verwiesen.

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